| Freddy Paul
Grunert - Malerõs Sphinx |
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Ausstellung: 12.4.-10.5.1992
Eröffnung: 11.4.1992
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Freddy Paul Grunert tritt durch seine abundante eigene Theoriebildung a
priori in Konkurrenz zu jeder fremden Theorie über sein Werk. Ein langer Abend
mit ihm und seinen Bildern und vor allem seinen Erläuterungen hinterlässt ein
gewisses Rauschen im Kopf. Jedoch nicht nur jeder mögliche Kommentar eines
Autors über Freddy Paul Grunert wird mit dieser Theorie-Barriere konfrontiert –
auch innerhalb des Schaffens von Freddy Paul Grunert machen sich Werk und
Kommentar den Rang streitig. Es gibt Momente, in denen man eines der Videotapes
von Jochen Gerz zitieren möchte, in dem es heißt „Maler rede nicht – male“.
Es bleibt ein recht einfacher Ausweg aus dem Dilemma, dem zuviel gesagten
noch mehr hinzufügen zu sollen, indem man sich mit dem befasst, wovon Freddy
Paul Grunert eigentlich nicht spricht, oder was er nur en passant erwähnt: die
Werke, so wie sie als materielles Produkt zu sehen und im Entstehen sind. So
fällt zum Beispiel auf, dass alle seine frühen Papierarbeiten von Anfang bis
Mitte der 80er dieselbe Papierbreite haben. Erklärung Freddy Paul Grunerts
dazu: das Papier stammt immer von derselben Quelle, d.h. von einigen
Papierrollen für den Rotationsdruck, die ihm ein Bekannter vermacht hat.
Die immer gleiche Breite verleiht den Arbeiten eine materielle Einheit,
ähnlich den Blättern eines Notizblocks. Mehr noch: bei Durchsicht der in
verschiedener Schrift auf diversen Zetteln notierten Theorie-Konvolute ergibt
sich für den außenstehenden Betrachter ein fließender Übergang zwischen den
Notizen und dem Werk – Scripturales und Cerebrales erscheinen als unauflösbar
verflochten. Auch bei der späteren Serie der „Uterinen Folien“ behält Grunert
im wesentlichen ein gleiches Format bei – diesmal bedingt durch seine eigene
Herstellung der transparenten Folien auf Glasscheiben gleichen Formats und auch
durch die vom Material gesetzten Grenzen. Im Titel „Uterine Folie“ klingt
sogar die bibliothekarische Klassifikation von Büchern und Manuskripten nach
Folio-Größen an. Freddy Paul Grunert verstärkt diese Assoziation durch die
Aufstellung der „Uterinen Folien“ in regelmäßigen Reihen, ähnlich den Lesetischen
einer Bibliothek oder eines imaginären Klassenzimmers. In der Bibliothek müssen
sich gedankliche Ordnungen eben auch mit Größenordnungen arrangieren lassen.
Um auf die Papierarbeiten zurückzukommen: Idealerweise ließen sich die
gesamten Werke der 80er Jahre also zu einer einzigen langen Papierbahn
aneinanderlegen, aus der sie herausgerissen wurden – welch ideale Metapher für
den Fluss der Gedanken, aus dem jedes Bild nur einen Ausschnitt präsentiert.
Dieses Ausschnitthafte wird dadurch verstärkt, dass die Ränder der Blätter
nicht abgeschnitten sind, sondern tatsächlich nur abgerissen und dann nach
hinten umgeknickt wurden. Auf den umgeknickten Reststreifen finden sich dann
meist Titel der Arbeiten – die Schrift als Bild auf der Vorderseite wird also
nur durch einen Knick getrennt von der Schrift als Wort und Titel auf der
Rückseite. Die ideale, rekonstruierte Papierbahn des Grunertschen Werks der
80er ergäbe somit quasi einen Film mit Untertiteln. Auch hier findet sich eine
enge Parallele zur Serie der „Uterinen Folien“, die schon aufgrund ihrer
Transparenz und reihenartigen Aufstellung wie Einzelbilder aus einem Film
erscheinen. Tatsächlich entstehen sie durch einen quasi photographischen
Prozess, indem die flüssige Masse mittels Sonnenlicht auf einem Spiegel
erhärtet wird. Das Wort „Photographie“ wird hier in seine zwei Bestandteile
zerlegt – „photos“ (Licht) und „graphein“ (schreiben) – neu zusammengefügt
erhalten sie eine andere Bedeutung: Momentaufnahmen eines permanenten
Denkprozesses.
Doch der Blick geht nicht nur nach vorn, zu den technischen Medien Film und
Photographie, die historisch gesehen die Schrift aus ihrer Priorität verdrängen
– er geht auch zurück, denn durch die Form der Rolle klingt die Urform der
Schrift an: das gerollte Pergament, die Thora. Zweifellos liegt diese
Assoziation sehr nahe an Freddy Paul Grunerts Anspruch, ein graphisches Pendant
zu philosophischen Theoremen zu schaffen, ähnlich den illuminierten
Handschriften des Mittelalters. Dabei ist die Quelle dieser Papierrolle denkbar
weit von diesem Ursprung der Schrift entfernt, ist sie doch wie gesagt eine
Rolle für den Rotationsdruck – genauer gesagt einer Tageszeitung, der
Frankfurter Allgemeinen. Also rasche Schreibe für den Tag, flotter Journalismus
anstelle des asketischen Skriptoriums?
Angesprochen auf das auffällige gleiche Format seiner Papierarbeiten
erklärt Freddy Paul Grunter nicht nur den hier so ausführlich behandelten
Ursprung von einer gemeinsamen Papierrolle, sondern ist auch sofort zu
biographischen Konnotationen bereit: Die Zeit seines Studiums, u.a. bei Max
Bense – fast die meisten seiner Kommilitonen sind Journalisten geworden –
demgegenüber seine eigene Aneignung des Materials Zeitungs-Papier – statt durch
die Rotationspresse von Hand bearbeitet. Ja und à propos Film – eigentlich
wollte er sich immer schon eine Maschine bauen, mit der er die Papierrolle auf
Schalterdruck über den Zeichentisch fahren lassen kann, links das
Blanko-Papier, rechts die fertigen Werke, alle am Stück.
Der Name Max Bense bringt einen weiteren Kontext mit ein: den der konkreten
Poesie und ihrer formalen Untersuchung der Relation von Schrift und Bild.
Obwohl hier möglicherweise eine Quelle für Freddy Paul Grunert liegt, arbeitet
er genau in die entgegengesetzte Richtung. Die konkrete Poesie zielt auf eine
bildliche Formalisierung der Schrift, die zu einer fast manieristischen
Unterordnung des Inhalts unter die Form führt. Bei Freddy Paul Grunert hingegen
besteht die totale Dominanz des Inhalts – alles Formale wird so weit wie
möglich aufgelöst, das Ideal wäre für ihn ein Inhalt ohne jede Form, ohne den
Makel des materiellen Ausdrucks.
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