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Ausstellung:
16. Januar - 27. März 2005
Eröffnung: Samstag, 15. Januar, 20 Uhr
Vortrag von Bjarne Mastenbroek, SeARCH Architects, Amsterdam: Samstag,
26. Februar 2005
Führungen zur Ausstellung: jeweils Sonntag, 30. Januar/ 13.
Februar/27.Februar/13. März um 15 Uhr
Unter dem lapidar klingenden Titel "Some Trees" versammelt die
Ausstellung einen breiten, anregenden Strauß
künstlerischer
Arbeiten. Wir verdanken sie dem Amsterdamer Galeristen Paul Andriesse,
dessen persönliches Wirken ich Ihnen eingangs kurz vorstellen
möchte. Es lässt sich nämlich an Konzeption
und
Präsentation der Ausstellung ablesen, dass Andriesse nicht nur
Galerist ist, sondern auch Kunsthistoriker, Fotograf und forschender
Sammler oder sammelnder Forscher. Der Kunsthistoriker Andriesse
lässt die Schau bereits mit dem Pionier der Moderne Gustave
Courbet beginnen, wenn auch nur mittels eines Fotos; der Galerist guckt
über den Tellerrand der von ihm vertretenen Künstler
und
bezieht noch weitere mit ein; der Fotograf und somit Bildermacher hat
erst auf unser Drängen hin einige seiner bemerkenwerten
Fotografien in die Ausstellung integriert, und der Sammler und
Kulturmensch weitet seinen gedankenvollen Blick in Randgebiete aus:
Eines der anrührendsten Zeugnisse in der Ausstellung stellt
ein
Fotobuch von Roy Villevoye dar, in welchem dessen therapeutisches
Experiment mit Kranken einer am Waldrand liegenden psychiatrischen
Klinik dokumentiert wird. Die Patienten wurden dazu ermuntert,
persönliche Zeichen in die Baumrinde zu kerben, und einer
schnitzte in den Stamm gar das Bild eines vollständigen
Baumes.
Versäumen Sie.....
Als verantwortungsbewusster Zeitgenosse und als ein Mensch, der dem
Phänomen Baum ausdauernd auf der Spur ist, sei noch
erwähnt,
dass sich Paul Andriesse auch als Botschafter der Stiftung "Art for
Tropical Forests" engagiert.
Die Schau hat natürlich allein vom Thema her im NAK einen
besonders sinnfälligen Ort der Präsentation gefunden:
Mitten
in Park gelegen, in welchem es lebende Bäume in erstaunlicher
Vielfalt gibt, finden Sie hier im Innenraum viele Facetten
künstlerischer Darstellungen und Interpretationen des Motivs
Baum.
Innerhalb der Tätigkeiten von Paul Andriesse ist das Thema
Baum im
Laufe der letzten Jahre angewachsen, etwa so, wie ein Baum selbst
wächst: es hat sich ohne erkennbare Systematik ausgebreitet,
verzweigt und verästelt, Wurzeln geschlagen und Ableger
bekommen.
Mehrmals hat eine Buchpublikation eine Ausstellung ausgelöst
und
diese wiederum die Basis für ein Buch geliefert. Als Wilhelm
Schürmann die jüngste bibliophile Kostbarkeit von
Andriesse
zugeschickt bekam, entstand die Idee zu dieser Ausstellung. Und sie
ist, wie Sie leicht entdecken können, ihrerseits nicht
identisch
mit dem Inhalt der letzten Veröffentlichung. Denn ein Baum
wächst, ist er doch eine zentrale Metapher in den
unterschiedlichsten Sinnzusammenhängen: Grundsätzlich
steht
der Baum als zentrales Symbol für die gesamte Natur und als
dialektisches Gegenüber und Gegenbild zum Menschen. In
sämtlichen Religionen hat er symbolische Bedeutung. Sehen wir
doch
auf einem Foto den jugendlichen Anselm Kiefer liegend, in den
Händes einen zarten Baum, der als Wurzel Jesse, also als
Stammbaum
Jesu, aus seinem Leib herauszuwachsen scheint.
Wir stehen in der Ausstellung kolossalen, uralten Baumstämmen
gegenüber, etwa in Fotos von Tacita Dean und Daan van Golden,
jeweils mit ganz individueller Aussage. Tacita Dean fand in Madagaskar
die legendären Baobabs, verknorpelte, beseelte Monster, die
für Mensch und Tier als Behausung herhalten. Der Bildhauer van
Golden hat seine kleine, zierliche Tochter neben dem Riesen
eingefangen, was nicht nur die Mächtigkeit der Natur ins
Verhältnis zur Winzigkeit des Menschen setzt, sondern auch-
wie
bei anderen Ausstellungsstücken- den unterschiedlichen
Zeitbegriff
im Leben von Natur und Mensch anspricht. - Der Wald stellt seit langem
einen ökologischen Problemfall von globalen Ausmaßen
dar,
eine Nuance, die etwa in den Fotos von Joachim Koester anklingt. Bei
ihm verbirgt sich allerdings- sehr zeittypisch- hinter den
ruinösen Zeugnissen noch die abenteuerliche Recherche nach der
Burg von Dracula, auf den Spuren der Novelle von Bram Stoker.
Der Baum wird in seiner senkrechten Haltung per se dem
aufrecht
stehenden Menschen verglichen; meist ist er Inbegriff des Mannes- eine
Gleichsetzung, die Andriesse allein an einigen Arbeiten widerlegt
sieht, in welchen der Baum als Schoß oder Tunnel, als
umschließende Hülle oder Zuflucht interpretiert
wird. Die
lebensvollen, ausladenden Baumkronen in den Gemälden von Erik
Andriesse vor monochromem Farbraum sind geradezu von weiblich
üppiger Schönheit. - Wirkt die Struktur eines Baumes
zunächts ungeordnet, wenn nicht chaotisch, so unterliegt sein
Wachstum doch einer inneren Gesetzmäßigkeit, durch
welche,
dem menschlichen Organismus vergleichbar, sämtliche Funktionen
aufeinander abgestimmt sind. Nicht von ungefähr wird er mit
Struktur und Funktion des Gehirns verglichen oder auch mit dem sich in
feinste Kapillare hin verästelnden
Gefäßsystem.
Angesichts der zarten Zeichnungen von Roxy Paine behauptete Andriesses
Sohn einmal, das seien doch keine Bäume, denn es fehle ihnen
doch
der Stamm. Blicken wir uns in der Ausstellung um, so sind die
Bäume tatsächlich vielfach vom Rand
überschnitten, d.h.
"amputiert" bzw. Torsi. Daher ergänzen sich der gewaltige
Stamm
bei Daan van Golden und die blühende Krone von Erik Andriesse
auf
belustigende wie sinnfällige Weise.- Nicht zuletzt orientieren
sich Architektur und Technik immer wieder an den Strukturen der Natur.
Daher mündet die Schau entwicklungsgeschichtlich
gewisseremaßen in dem aus 20 Einzelfotos geschichteten,
digitalisierten Foto von Meindert Koelink, das in seiner
Künstlichkeit an ein Hologramm oder 3D-Bild denken
lässt.-
Und, um dem Phänomen Baum seine Eigenstandigkeit
zurückzugeben: unbeeinflusst von Religion, Kultur und
Naturwissenschaft vollbringt der Baum ganz einfach die direkteste
Verbindung zwischen Himmel und Erde.
Sie finden die Ausstellung gänzlich unhierarchisch aufgebaut,
sie
ist weder nach kunsthistorischen, chronologischen oder thematischen
Gesichtspunkten noch nach künstlerischen Techniken gegliedert,
sondern soll möglichst abwechslungs- und spannungsreich sein
und
Fragen stellen und vielleicht beantworten. Sie versammelt Positionen
mehrerer Generationen und solche von etablierten Künstlern mit
solchen von unbekannteren. Dabei werden Sie feststellen
können,
dass Künstler insbesondere in den 70er Jahren die Thematik
anpacken und dass das Thema dann in jüngster Zeit wieder
zunehmend
in den Blick genommen wird. Und so haben Albert Renger-Patzsch und -
mit unübersehbaren Brüchen als Ausdruck kritischer
Blickrichtung- auch Robert Adams eine Qualität
präziser
Dokumentarfotografie entwickelt, die sich später dann in etwa
bei
Fotos des englischen Bildhauers und gefragten
Künstlerfotografen
John Riddy wiederfindet. Wie Adams" Arbeiten haben auch die Zeichnungen
und Skulpturen des Arte Povera-Künstlers Giuseppe Penone
letztlich
eine politische Aussage, ohne didaktisch zu sein. Anhand der Teilnahme
von Penone und Curdin Tones lässt sich die bereits
angesprochene
generationsbedingte Veränderung im Umgang mit Natur ablesen.
Wenn
man bei Penone von einer im Mythischen angesiedelten Vorstellung
symbiotischer Beseeltheit von Mensch und Natur sprechen kann, so zeigt
der in Amsterdam lebende junge Bildhauer Curdin Tones die
konträren kreativen Tätigkeiten von Natur und Mensch.
Als
kaum sichtbare, ironische Gesten kommen die stilistischen, wenn nicht
gar modischen Eingriffe eines Holzbearbeiters daher.
Zum Schluss seien noch zwei Highlights herausgestellt: Wir
können
uns nämlich glücklich preisen, Arbeiten von Erik
Andriesse
und von René Daniels zeigen zu dürfen. Das Wirken
beider
Künstler hat leider abrupt ein Ende gefunden, hervorgerufen im
einen Falle durch Tod, im anderen durch Krankheit. Aber das Geschaffene
gibt Zeugnis von zwei außergewöhnlichen
Künstlerpersönlichkeiten. Erik Andriesse hat mit
seinen
Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden mit Verve und
großem
Feingefühl eine gegenständliche Malerei der
Naturdarstellung
entwickelt, die realistisch und zugleich traumverloren,
visionär
ist. Und er hat diese in den 80er Jahren vehement gegen die
dominierende Neo-Geo-Bewegung verteidigt.
Die Bilder von René Daniels fallen zunächst dadurch
auf,
dass er mit wandlungsfähigen Metaphern wie Mikrophon und
Platte,
Bild und Buch spielt, um möglichst eindrücklich immer
auch
seine kritische Distanz zu Kunst und Kulturbetrieb mit einbauen zu
können. In "DDT2", abgebildet auf der Einladung,
überlagern
sich Baum und architektonische Raumkulisse zu einer für seine
Bilder typischen mehrperspektivischen Ansicht. Auch die letzte Serie
der "Spring Blossom" ist einerseits in der Ansicht als Baumkrone wie
andererseits von oben betrachtet als Stadtplan zu lesen. An den Zweigen
oder Gestängen kleben anstelle von Blumen geschriebene Titel,
Statements und literarische Texte.- Und wer von Ihnen sich nicht der
Mühe entzieht, wird bei Daniels wie auch bei anderen
Künstlern manch hintergründige und erheiternde
Bezüge zu
den Schwesterkünsten Literatur und Musik ausfindig machen
können. In dem Sinne wünsche ich Ihnen für
Ihre eigene
Entdeckungsreise viel Vergnügen.
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