NAIRY BAGHRAMIAN
Affairen. Ein semiotisches Haus,
das nie gebaut wurde
Zu Gast: Janette Laverrière und Henrik Olesen
14.
September
– 9. November 2008
Eröffnung:
13. September, 20 Uhr
Artist Talk & Katalogpräsentation: 8. November, 17 Uhr
Führungen:
Sonntag, 28. September, 15 Uhr,
sowie
im Rahmen der Aachener Kunstroute am 18./19. Oktober jeweils 15 Uhr
Die
in Berlin lebende Künstlerin Nairy Baghramian, geboren 1971,
ist in
den letzten Jahren zu einer sehr gefragten und daher viel
beschäftigten
Künstlerin geworden, die mit Einzelausstellungen in der
Kunsthalle Basel 2006 und
als Förderpreisgewinnerin der Schering Stiftung 2007 von sich
reden gemacht
hat. Darüber hinaus sorgte sie mit ihren Beiträgen zu
den Skulpturprojekten
Münster und der Berlin Biennale, sowie ihrer Einzelausstellung
im Frühjahr
diesen Jahres in der Kunsthalle Baden-Baden für Aufsehen.
Speziell
für die Ausstellung im NAK hat Nairy Baghramian ganz neue
Skulpturen
realisiert, zu der sie die Schweizer Designerin Janette
Laverièrre und den dänischen
Künstler Henrik Olesen eingeladen hat, die mit eigenen
Arbeiten in der
Ausstellung vertreten sind.
Affairen,
so lautet der Titel ihrer Ausstellung im NAK. Eine Affäre ist
eine Angelegenheit, ein Vorfall, der oft in der Politik und Wirtschaft
stattfindet und in der Öffentlichkeit als unangebracht, als
skandalös beurteilt
wird. Eine Affäre ist aber auch der euphemistische Begriff
für eine aus den ein
oder anderen Gründen geheim gehaltene Liebschaft, die nicht
für die
Öffentlichkeit bestimmt ist, da sie mit den dort herrschenden
Konventionen
bricht. In diesem Sinne stellt eine Affäre eine
Möglichkeit dar, die potentiell
verwirklicht werden kann, die sich aber zuallererst als Gedanke und
Vorstellung
im Kopf des möglicherweise Beteiligten bildet und in einem
komplexen Zusammenspiel
des Zufalls und der Gelegenheit möglicherweise in der
Realität manifestiert.
Die Affäre stellt einen Raum dar, der fragil ist und sich auf
einer
Parallelebene zur Wirklichkeit befindet, der sich materialisiert und
wieder
auflöst und eine schwankende Realität aufweist. Es
ist ein Raum, der
zeichenhaft den Graubereich der Wirklichkeit verkörpert, in
dem das Individuum
seine unbewussten Intentionen, Bedürfnisse und
Wünsche ans Licht treten lässt
und sich deren fundamentaler Charakter für die menschliche
Wirklichkeitskonstruktion offenbart. Die Affäre, die
öffentlich wird, ist in
diesem Sinne das Aufscheinen dessen, was normalerweise im Verborgenen
auf die
wahrgenommene Welt wirkt.
Dem
ergänzend gesellt sich das „semiotische Haus, das
nie gebaut wurde“ im
Untertitel der Ausstellung hinzu. Dieses Haus bezieht sich auf eine
Idee, die
die Künstlerin bereits 2006 im Zusammenhang mit ihrer
Ausstellung in der
Kunsthalle Basel aufgegriffen hat, und die sie seit dieser Zeit immer
wieder in
neuen gedanklichen Kontexten und Zusammenhängen
weiterverfolgte.
Die
Semiotik, die Lehre der Zeichen, ist eine komplexe Theorie, die sich
in vielen unterschiedlichen Bereichen anwenden lässt.
Verkürzt zusammengefasst,
geht die Semiotik davon aus, dass Zeichen eine bestimmte Sache oder ein
bestimmtes Ding bezeichnen und dadurch das Bezeichnete von anderem, das
nicht
bezeichnet worden ist, als bedeutsam hervorheben. Aus diesem Grund ist
die
Semiotik eine Kommunikationstheorie, da dieser Prozess eine
Kommunikation
voraussetzt, die durch das Bezeichnen zwischen verschiedenen Partnern
eine Welt
des Gemeinten und der Meinungen herstellt. Die Welt besteht
normalerweise aus
vielen Bezeichneten und damit als bedeutsam hervorgehobenen Handlungen
und
Zuständen. Zeichen treten insofern immer im Plural auf.
Für die Kunst ist die
Semiotik deswegen zu einer wichtigen theoretischen Grundlage geworden,
da die
Kunst es leistet, ein einzelnes Zeichen zu isolieren und diesem Zeichen
wiederum
eine isolierte Bedeutung zuzuschreiben.
Das
Haus als Idee beschreibt eine Ansammlung von Räumen, die als
unterschiedliche Funktionseinheiten ein gemeinsames,
zusammenhängendes System
bilden. Ein semiotisches Haus zu bauen, ist in dieser Hinsicht als eine
Rückwärtsbewegung zu sehen. Es geht darum, aus
fragmentarischen Einzelteilen,
aus zusammenhangslosen Bedeutungen wieder ein Gebäude zu
erschaffen, das diese
zu einem neuen Gesamtzusammenhang zurückführt. Dass
dieses Haus nie gebaut
wurde, verweist einerseits auf die Schwierigkeit dieses Unterfangens in
einer
zunehmend pluralistischen Welt, anderseits aber auch auf die pure
Möglichkeit,
dass ein solches Haus existieren kann.
Der
Titel der Ausstellung und auch der einzelnen Werke sind im
künstlerischen Schaffen von Nairy Baghramian Bedeutungsebenen,
die durch die
Räume schwirren und sich dennoch nicht fixieren lassen. Sie
funktionieren eher als
intuitive Elemente, die sich zur Zuordnung anbieten aber nicht
anbiedern.
In
ihren Skulpturen und Installationen hat Nairy Baghramian eine
Formensprache entwickelt, die in ihren reduzierten Formen an die
Moderne
erinnern und gleichzeitig durch ihre raffinierten
Materialkombinationen, ihre
exzentrische Eleganz und Oberflächenschönheit, durch
den stilsicheren, zurückgenommenen
und präzisen Einbezug von Material- und Formenelementen einen
Ansatz
offenbaren, der die mitgeführten sozialen, politischen und
utopischen Konzepte und
Erzählungen unter der Oberfläche sichtbar werden
lässt, sich aber nie allzu
direkt dem Betrachter aufdrängt. Es entsteht eine vielseitige
Referenzialität,
die sich von den Objekten auch auf die unmittelbar vorgefundene
räumliche,
institutionelle und gesellschaftliche Situation hin ausdehnt, die von
den
Skulpturen von Nairy Baghramian oft neu formuliert und
rekontextualisiert wird
und so eine ganz eigene narrative und poetische Dimension des Werks
eröffnet.
Zur Ausstellung erscheint
ein Katalog.
Partner 2008: Kunststiftung NRW

Mit freundlicher
Unterstützung der Stadt Aachen


Nairy Baghramian,
Künstlergespräch NAK 2008, (c) NAK