Ich bin wie du
Elen Braga
ERÖFFNUNG:
Samstag 2 Mai 2026
19 23 Uhr
GEÖFFNET:
3 Mai
26 Juli 2026

Elen Braga – Ich bin wie du
Eröffnung: 02. Mai 2026, 19 Uhr
Laufzeit: 18. Mai – 27. Juli 2025
Begrüßung: Johanna Roderburg (Vorstand NAK)
Einführung: Maurice Funken (Direktor NAK)
„Before I was an artist, I was a gospel singer. I sang in evangelical churches (…). In addition to singing, I also preached or, as it was said, I ‘delivered the word.’ (…) So I learned that if I wanted to speak well, I had to know how to tell stories, but not give everything away. We connected the stories to ourselves, because we liked to hear about ourselves. Maybe not everything was true, but there was a truth to be told (here and everywhere).“ – Elen Braga[1]
Der NAK Neuer Aachener Kunstverein freut sich mit Ich bin wie du die erste institutionelle Einzelausstellung der brasilianischen Künstlerin Elen Braga präsentieren zu dürfen. Als multidisziplinär arbeitende bildende Künstlerin ist Braga in den Bereichen Installation, Skulptur und Performance tätig und bespielt neben Ausstellungsräumen ebenfalls öffentliche Räume. Ihre zumeist großformatigen Installationen sind häufig mit performativen Elementen verbunden, die sich zumeist auf die Verwendung ihres eigenen Bildes beziehen. Dabei stellt sie sich bewusst der Herausforderung, mit neuen Materialien und Techniken zu arbeiten, darunter Textil, Keramik und Metall. In ihrer künstlerischen Praxis setzt sie sich mit Themen wie Kraft, Resilienz und Identität auseinander, oft durch selbst auferlegte Aufgaben und intensive, arbeitsaufwendige Prozesse. Braga greift mythologische Erzählungen auf, um zu untersuchen, wie diese in zeitgenössischen Verhaltensweisen und Überzeugungen fortwirken. Ihre Arbeiten beziehen sich häufig auf die spezifischen Kontexte ihrer Präsentationsorte. Zugleich spielt sie mit den Paradoxien von Materialität und experimentiert mit Materialien jenseits ihrer alltäglichen Verwendung.
Im Foyer des NAK werden die Besucher_innen sogleich von Elen Braga selbst empfangen, in Form eines überdimensionierten Kopfes mit Armen aus Stoff, der Arbeit Bababuá. Auf dem Weg zum ersten Ausstellungsraum passiert man anschließend die handgetuffte Textilskulptur My grandmother and 50 years in 5. Die Arbeit ist der Großmutter der Künstlerin nachempfunden, am offenen Feuer kochend, ein Huhn in der Hand haltend, dass wie bereits etliche Hühner zuvor sogleich den Kopf verlieren wird – Kindheitserinnerungen der Künstlerin, im Hintergrund das stetige Rauschen eines Radios, aus dem die Stimme des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Juscelino Kubitschek klirrt, der von einem besseren Brasilien schwärmt.
Im ersten Ausstellungsraum fällt der Blick der Besucher_innen sogleich auf das sechs Meter lange Werk Amanhã será outro dia (Tomorrow will be another day): farbig, figurativ und mit lose arrangierten Textelementen versehen, durch mythologische Erzählungen und Symbol aufgebrochen. Die großformatige Textilarbeit kombiniert unterschiedliche Szenen der jüngeren brasilianische Geschichte zu einem dichten Ganzen: religiöse und politische Motive treffen auf Wüstenlandschaften treffen auf brasilianische Präsidentschaften und deren Fehlverhalten treffen auf Covid-Gräber sowie das WM-Finale Deutschland-Brasilien von 2014. Und eine Ente. „Before I can clearly identify the content of what I want to say, I must know how to say it. I use language, but I cannot easily identify this concept with words alone“[2] so die Künstlerin, welche Text und Bild in ihren Werken gegenüberstellt, die es nun zu decodieren gilt. Daraus resultiert eine Verquickung von Utopie und Dystopie, eine fiktive, da subjektive Historie, die die Wünsche und Träume als Realität von Migrant_innen sichtbar macht und zugleich die Frage aufwirft, was Identität und Heimat eigentlich bedeutet: „The future was such a distant thing, that it was possible form e to construct the most beautiful narratives. Today I have the feeling that when I think about the future, it has already passed. I am the future and I am writing about the past.“[3]
Die eigene Historie und Chronologie ins Werk einbringend, das Private damit zum Öffentlichen machend, beschreitet Braga einen nicht linearen Weg im Ausstellungsraum, der zwar verschiedene Szenarien in einzelnen Arbeiten aufeinandertreffen lässt, daraus jedoch eine sich fortschreitende Narrative in der gesamten Ausstellung aufspannt. Sunday with the family, das Wohnzimmer der Eltern mit brasilianischer Soap-Opera und lebensgroßen skulpturalen Nachbildungen der eigenen Familie, inklusive politisch auseinandergehenden Ansichten, hier in den Brillengläsern der Figuren sichtbar, oder auch der Papagaio americano (American parrot), ein gelb-grün strahlender Vogel auf blau-weiß besternter Stehle, sind in ihrer Farbigkeit zunächst positiv konnotiert und verklären die eigene Vergangenheit, wie sich eben Kindheit stets verklären lässt. Doch das Gezeigte spiegelt ebenfalls den eigenen Lebensweg der Künstlerin wider, der sie letztlich von Brasilien nach Belgien geführt hat. Oder eben nun nach Deutschland für die Ausstellung im Kunstverein, ein Land dessen Sprache sie nicht spricht, aber sich wie so viele Migrant_innen über den rein phonetischen Klang aneignet, indem sie die ersten zehn deutschen Zahlen lernt, hier notiert in Form des treppenartig anmutenden Werks One to zen. Oder führt ein letzter Weg gar ins All? Das Raumschiff in Form der Arbeit Original blue steht jedenfalls bereit, der hoffnungsvolle Ausweg für alle Aliens, alle Fremde, alle Ausländer.
Doch Werke wie ein abgestellter Koffer unter einem Schild mit Aufschrift No Re-Entry oder die bereits erwähnte, zur Decke des Raums aufsteigende Treppe, deren vermeintliche Zahlen zugleich aber als Schlagworte wie „ICE”, „FEAR” oder „NOISE” doppeln, deuten auf die Schwierigkeiten der globalen Gesellschaft hin, welche durch einen zunehmenden Rechtsruck und die damit einhergehende Fremdenfeindlichkeit weltweit Bedrohungen erfährt. Braga spricht hier dezidiert die US-Einwanderungsbehörde ICE an und auch die der Ausstellung den Titel verleihende Arbeit Ich bin wie du im Treppenhaus des Kunstvereins stellt die US-amerikanische Politik in Frage, wenn es da heißt „OFF WITH THEIR HEADS.” Denn nicht nur Hühner verlieren im Kunstverein den Kopf: auch die Wellensittiche im Bild sind enthauptet und auf der oberen Treppenstufe der Arbeit One to zen angekommen befindet sich nicht umsonst die textile Skulptur eines geköpften Selbstbildnisses der Künstlerin.
Zum sich langsam in die Ausstellung einschleichenden thematischen Wechsel erklärt Braga: „The title is Ich bin wie du. It is a reference to a 1976 song by the German singer Marianne Rosenberg. The song is about recognition between two people, a sense of equality that transcends differences. In my work for NAK, however, the song takes on a more critical meaning. It raises questions about empathy, alienation, and the difficulty of forming authentic relationships in a world shaped by inequality, migration, cultural hybridity.”
Die Wandarbeit Ich bin wie du leitet zudem die Auseinandersetzung Bragas mit Deutschland ein. Nicht nur der titelgebende ikonische Disco-Schlager, welcher in der oberen Etage de facto über ein Radio abgespielt wird und damit Einzug in den Raum hält, kann als deutsches Motiv erkannt werden, sondern auch im Wandteppich aufkommende Referenzen auf Otto Dix, Rüstungsexporte, Ölimporte und die dargestellten Fachwerkhäuser, die allerdings die Gleichheit aller Menschen verneinen, wenn es da heißt „NICHT WIE DU.”
Im Obergeschoss wird Bragas Auseinandersetzung mit Deutschland dann besonders deutlich. Im Vorraum drehen sich drei textile Kebapspieße und verweisen damit auf das, was Braga ironischerweise für sich als typisch deutsch identifiziert hat, ergänzt von allzu hungrigen Tauben auf dem Boden der Rauminstallation. Burn Char Roast doppelt dennoch in seiner Bedeutung auch politisches, fremdenfeindliches Gedankengut gegenüber Zuwander_innen. Im Ausstellungsraum empfangen sogleich neben einem Bundesadler auf goldenem Grund, The goldsmith with red beak, in graue Militäruniformen gekleidete Stoffpuppen die Besucher_innen. Mit leeren Blicken starren die Soldaten auf einen großformatigen rot-weiß-schwarzen Wandteppich Winter in Germany, quasi ein historischer Spiegel, die Dopplung auf die deutsche Geschichte verweisend, als Mahnung, dass Nationalismus und Rechtspopulismus trotz Erinnerungskultur stets präsent sind. Die fragile, beinahe schon zusammenbrechende Ansammlung der uniformierten, da gleichgeschalteten – und damit dem Motto Ich bin wie du aufs Wort folgend – Soldaten hat Braga passenderweise Sir, Nein, Sir! genannt – und spricht sich damit eben genau für Individualismus entgegen jeglichem Kollektivdenken.
Abgerundet wird die Ausstellung im Kunstverein durch Videoarbeiten der Künstlerin, die ihre ursprünglich rein performative Praxis in den Blick nehmen und inhaltlich auf Ich bin wie du abgestimmt sind. So sind Original blue und One to zen sind mit Videowerken Bragas verknüpft. Das poetische, großformatig projizierte Schwarz-Weiß-Video Nevermore zeigt die Künstlerin dagegen im Death Valley, USA, damit in der Fremde, gegen ihr Schicksal und gegen die Natur ankämpfend und Flesh, Stone, Iron and Clay, part 1 verbindet militaristische Schrittfolgen und Gesten mit Tanzkultur, gleichwohl den Gleichschritt brechend, das Individuum aus der Masse lösend.
Elen Braga (*1984 in Maranhão, Brasilien) schloss 2018 ihr Postgraduiertenstudium an der a·pass (Advanced Performance and Scenography Studies) in Brüssel ab und absolvierte Residenzen bei AIR Antwerpen (heute MORPHO) (2016), ISELP (2020) und Buitenplaats Brienenoord (Rotterdam, 2021). Ihre Arbeiten wurden bisher auf der Cerveira-Biennale (PT), im Frac des Pays de la Loire (FR), im WIELS (Brüssel, BE), im KIOSK (Gent, BE), im NICC Vitrine, im ISELP, im CC Strombeek und im KANAL-Centre Pompidou (Brüssel, BE) gezeigt. Im Jahr 2022 wurde sie ausgewählt, eine permanente Installation für das renovierte Kaaitheater zu schaffen, das 2025 eröffnete. Sie arbeitete mit dem Choreografen Michiel Vandevelde an der Gestaltung einer textilen Szenografie für die Tanzperformance Le Sacre du Printemps zusammen, die 2025 im Theater Neumarkt in Zürich uraufgeführt wurde. Braga lebt und arbeitet in Antwerpen, Belgien.
Mit freundlicher Unterstützung durch:

Besonderer Dank an:
Martin Snieders, Joost Elschot und Wouters Gallery, Brussels.
Alle Fotos: Simon Vogel. Courtesy: the artist and Wouters Gallery, Brussels.









